Was sollten Therapeuten am besten nicht sagen bzw. tun?

Frage ein­er Ther­a­peutin

Was sind Dinge (Aus­sagen, Ver­hal­tensweisen etc.), die Ther­a­peuten ver­mei­den soll­ten? Was ist nicht hil­fre­ich bzw. wird als nicht hil­fre­ich erlebt?”

Antworten ehe­ma­liger Pati­entin­nen aus dem TCE­fo­rum

Antwort 1

Mich hat es so unglaublich verun­sichert, als die Ther­a­peutin damals meinte, ich sei noch gar nicht richtig mager­süchtig, da mein Gewicht nur an der Gren­ze zum Untergewicht sei! Aus heutiger Sicht möchte ich solche Ther­a­peuten am lieb­sten zur Seite nehmen und darauf hin­weisen, dass eine Essstörung sich zu ein­er hohen Prozentzahl im Denken man­i­festiert, sich im Kopf abspielt! Nehmt eure Patien­ten ernst, allein sich schon Hil­fe zu holen ist eine riesige Über­win­dung und defin­i­tiv ein Zeug­nis von hohem Lei­dens­druck.

Ich wusste auch immer schon, dass ich mich gut aus­drück­en kon­nte. Aber von mein­er Ther­a­peutin, der ich von meinen tief­st depres­siv­en Gedanken erzählte, am lieb­sten ihren Stu­den­ten als Vorzeige­ex­em­plar zu dienen, das war die Krö­nung. Falsch macht ein Ther­a­peut dann etwas, wenn der Patient sich nicht ver­standen und für voll genom­men fühlt.

Antwort 2

Ich habe während mein­er Krankheit sehr viele Erfahrun­gen mit ver­schiede­nen Ther­a­peuten und Ther­a­piekonzepten gemacht. Lei­der waren neben vie­len hil­fre­ichen Erfahrun­gen auch sehr neg­a­tive und demo­tivierende Ver­hal­tensweisen  von Ther­a­peuten dabei. Da es für Außen­ste­hende oft sehr schw­er ist, sich in die Denkweise von Ess­gestörten hineinzu­ver­set­zen, zäh­le ich einige Aussagen/Verhaltensweisen von Therapeuten/Ärzten auf, die sich eher kon­trapro­duk­tiv auf meine Moti­va­tion und mein Krankheit­sein­sicht aus­gewirkt haben.

-          Die Krankheit ver­harm­losen

Sätze wie „Sie sind ja gar nicht so krank“ oder „so schlimm ist es ja/ so wenig essen Sie ja gar nicht“ sind äußerst demo­tivierend und geben Betrof­fe­nen das Gefühl nicht „krank genug“ zu sein bzw. keine Hil­fe in Anspruch nehmen zu dür­fen.

-          Vor­würfe machen

Weißt du eigentlich wie viel ein sta­tionär­er Aufen­thalt kostet? Andere wären froh, wenn sie Hil­fe bekom­men wür­den“. Dies waren die Aus­sagen vom Che­farzt ein­er Klinik, als ich in der Vis­ite gesagt habe, dass ich mich dick füh­le und mir das Essen und Zunehmen schw­er fällt. Ich wollte lediglich eine Hil­festel­lung wie ich mit meinen neg­a­tiv­en Gedanken und Gefühlen umge­hen kon­nte.

-          Unver­ständ­nis

Sätze wie „Schmeckt Ihnen das Essen denn nicht?“ zeigen, dass der/die Therapeut/in die Prob­lematik ein­er Essstörung nicht ver­standen hat. Als Betroffene/r fühlt man sich auch nicht ernst genom­men. Ther­a­peuten soll­ten Ess­gestörte lieber an Kol­le­gen über­weisen, wenn sie nicht aus­re­ichend auf Essstörun­gen spezial­isiert sind.

-          Belohnung/Bestrafung

In ein­er mein­er ersten Kliniken wurde nach dem Prinzip Beloh­nung und Bestra­fung gear­beit­et. Ich musste mir die Ther­a­pi­en erst durch Essen und Zunehmen ver­di­enen. Ein Kilo mehr bedeutete eine Teil­nahme an ein­er Ther­a­piegruppe mehr. Habe ich es nicht geschafft aufzuessen, musste ich eine Stunde vor dem Essen sitzen bleiben und wurde mit „Langeweile-Zeit“ bestraft. Während die anderen spiel­ten oder sich unter­hiel­ten, durfte ich nur ruhig dasitzen und durfte mich wed­er unter­hal­ten noch ander­weit­ig wie durch lesen beschäfti­gen. Bei Nicht-Erre­ichen der Gewicht­szu­nahme bekam ich Besuchs-/und Tele­fon­ver­bot und an den Woch­enen­den eine Aus­gangssperre. Anfangs war ich motiviert, da ich meine Eltern sehen und keinen Ärg­er machen wollte. Bei ein­er geforderten Gewicht­szu­nahme von über 20 kg ging das jedoch nicht lange gut. Allein die Gewicht­szu­nahme stand im Vorder­grund. Wie es mir damit ging, welche Äng­ste ich dabei hat­te, welche Hin­ter­gründe meine Erkrankung hat­te wurde völ­lig außer Acht gelassen. Auf die Äußerung mein­er Angst vor der Zahl auf der Waage, bekam ich die Auf­forderung eine Stunde lang auf der Waage ste­hen zu bleiben um mich an die Zahl zu gewöh­nen.

-          nur Essen/Gewicht im Vorder­grund

Was mir im Kampf gegen die Essstörung am meis­ten geholfen hat, war es zum einen die Krankheit und ihre Ursachen bess­er zu ver­ste­hen, aber auch neue Ressourcen im Leben zu find­en, die die Krankheit allmäh­lich erset­zen. Unser Leben dreht sich ohne­hin von mor­gens bis abends um das The­ma Essen/Figur. Doch was ist, wenn die Essstörung immer mehr abgegeben wird und ich das, was mir immer Halt gegeben hat aufgeben muss? Lei­der bin ich erst nach 12 Jahren Krankheit an den Punkt gekom­men zu sehen, dass das Leben noch viel mehr als Essen und Gewicht ist. In den Kliniken/Therapien wer­den jedoch auch oft nur diese The­men fokussiert. Zunehmen wird zur neuen Leben­sauf­gabe. Doch was ist danach, wenn das Gewicht erre­icht wurde und der geschützte Rah­men wegfällt? Ich habe während meinen Ther­a­pi­en oft nicht ver­standen wieso ich über­haupt so viel zunehmen muss und nicht nur ein biss­chen mehr essen reicht.

Ich denke es ist wichtig auch das gewohnte Umfeld (Fre­unde, Fam­i­lie) in die Ther­a­pie einzu­binden und ein soziales Net­zw­erk aufzubauen. Vor allem die Gespräche mit meinem Vater haben mir beispiel­sweise geholfen, dass ich das Nicht-Essen nicht mehr als Kom­mu­nika­tion­s­mit­tel brauche. Aber auch gemein­same Unternehmungen mit Fre­un­den haben mir gezeigt, wie schön das Leben ohne Essstörung sein kann.

-          Essen/Gewicht völ­lig außer Acht lassen

Vor allem in ambu­lanten Ther­a­pi­en habe ich die Erfahrung gemacht, dass das Essen bzw. Gewicht völ­lig außer Acht gelassen wird. Ein abgestem­peltes Gewicht durch eine Arzthelferin hat meis­tens aus­gere­icht. Da das Aufgeben der Essstörung für uns Betrof­fene selb­st ein ständi­ger Kampf ist, kommt es uns manch­mal sehr gele­gen, dass das The­ma gar nicht erst the­ma­tisiert wird. So kann man mit der Ther­a­peutin viel über Prob­leme in der Schule, Uni, Arbeit, im Fre­un­deskreis, in der Fam­i­lie sprechen und dabei weit­er­hin seine Symp­tome frei ausleben. Oft ist es uns jedoch auch nicht bewusst, dass wir wieder in alte Ver­hal­tensweisen fall­en, umso wichtiger ist es, dass wir durch den Ther­a­peuten darauf aufmerk­sam gemacht wer­den. Dabei ist es gut, wenn man zu Beginn alle Symp­tome (auch die, die nicht das Essen betr­e­f­fen) offen legt und immer wieder gemein­sam eine Bilanz zieht.

-          keine Psy­choe­duka­tion

Ich habe lange nicht ver­standen, wieso ich plöt­zlich nicht mehr essen kon­nte. Erst habe ich mir vorgemacht, dass ich jed­erzeit wieder anfan­gen kön­nte zu essen, aber irgend­wann habe ich selb­st gemerkt, dass  ich  es ein­fach nicht mehr alleine kann. Es hat sehr lange gedauert bis auch von Seit­en der Ärzte der Begriff der Mager­sucht gefall­en ist. Für meine Eltern war es anfangs auch schw­er einzuord­nen, was mit mir los sei, was oft im Stre­it geen­det hat, da sie dacht­en das sei nur eine Trotz-Reak­tion. Wären wir früher über die Essstörun­gen mit ihren Ursachen, Symp­tomen und Fol­gen aufgek­lärt wor­den, wäre mir viel Ärg­er und Verzwei­flung erspart geblieben.

-          mit ein­er Klinik dro­hen

Mein Hausarzt stellte bei ein­er Rou­tine­un­ter­suchung mein Untergewicht fest und ord­nete eine regelmäßige Gewicht­skon­trolle an. Er und meine Eltern dro­ht­en mir immer mit einem Klinikaufen­thalt, wenn ich nicht mehr esse und zunehme. Ich bekam große Angst vor der Klinik, schaffte es aber den­noch nicht zuzunehmen. Ich habe dadurch die Klinik auch immer mit etwas schlechtem, ein­er Strafe, ver­bun­den. Daher fiel es mir auch schw­er mich auf die Ther­a­pie einzu­lassen und ich dis­tanzierte mich immer mehr von meinen Eltern, da ich nicht ver­ste­hen kon­nte wieso sie mir das antun. Es wäre hil­fre­ich­er gewe­sen, wenn der Arzt mich und meine Eltern über die Essstörung aufgek­lärt hätte und wir gemein­sam nach Hil­f­sange­boten gesucht hät­ten.

Über den Autor/ die Autorin

ehemalige Patientin(nen) des TCEforum

2018-10-12T13:08:01+00:00Oktober 16th, 2018|Aktuelles, Denkanstöße, Innenansichten|