Töchter fragen Väter: Warum bist du so selbstherrlich?

Nicht jed­er Jugendliche, der sich von seinen Eltern unver­standen und ungeliebt fühlt, wird depres­siv oder/und ess­gestört. Fragt man ess­gestörte Pati­entin­nen, warum sie sich Gemein­heit­en, Unacht­samkeit­en und Ver­let­zun­gen seit­ens der Erwach­se­nen nicht ein­fach selb­st­be­wusst und mit ein­er gewis­sen Unver­wund­barkeit ent­ge­gen gestellt haben, dann lautet die Antwort nicht sel­ten: Das kon­nte ich ein­fach nicht. Das habe ich niemals in Betra­cht gezo­gen. Oder auch: Ich war mir nicht sich­er, ob meine Eltern mit ihrer Sicht auf mich nicht vol­lkom­men richtig lagen.

Per­sön­lichkeitsmerk­male von Kindern, die später an ein­er Ess-Störung erkranken, kön­nen auf ver­häng­nisvolle Weise mit den Ver­hal­tensweisen, Erziehung­sprak­tiken und inneren Ein­stel­lun­gen von Eltern zusam­men­wirken und sich ver­stärken. Häu­fig wagten die Erkrank­ten in ihrer Kind­heit und Jugend nicht, Bedürfnisse, Wün­sche und Gefüh­le zu äußern. Sie hat­ten Angst vor Vor­wür­fen, Liebe­sentzug und Zurück­weisun­gen. Die unter­drück­ten Emo­tio­nen wer­den den Betrof­fe­nen zum Teil erst in der Ther­a­pie oder noch später in der Nach­sorge-Phase und darüber hin­aus richtig bewusst.

Im Fol­gen­den haben Pati­entin­nen Fra­gen an ihre Väter for­muliert:

  • Warum bist du so selb­s­ther­rlich?
  • Warum kannst du nicht akzep­tieren, dass ich eine erwach­sene Frau bin?
  • Warum zählen für dich nur Äußer­lichkeit­en?
  • Warum bildest du dir ein zu wis­sen, was gut und richtig für mich ist?
  • Hast du dich jemals gefragt, ob du auch mit ein Grund für meine Krankheit sein kön­ntest?
  • Warum kannst du nicht spüren, wie sehr ich mich danach sehne, von dir wahrgenom­men zu wer­den?
  • Warum hast du nie ver­standen, dass mein Hungern ein Hil­fer­uf war?
  • Warum hast du mich nie beachtet, obwohl ich dir immer gefall­en wollte?
  • Warum hast du nicht gemerkt, wie sehr ich um dich gewor­ben habe?
  • Kennst du Angst?
  • Warum sprichst du nie über dich?
  • Warum sind andere immer mehr wert als wir?
  • Warum hast du ständig Fre­undin­nen?
  • Was denkst und fühlst du?
  • Warum warst du für mich immer ein Fremder in der Fam­i­lie?
  • Warum hast du Kinder in die Welt geset­zt?
  • Warum hast du dir so viel von dein­er Frau gefall­en lassen?
  • Warum hast du uns ver­lassen?
  • Warum hast du immer nur finanziell für uns gesorgt?
  • Warum hast du deine Frau so schlecht behan­delt?
  • Warum mussten wir immer die ide­ale Fam­i­lie spie­len?
  • Warum bist du so abhängig von dein­er Mut­ter?
  • Warum konkur­ri­erst du noch heute mit deinen Brüdern?
  • Warum bist du so unzufrieden mit deinem Leben?
  • Warum hast du so große Angst, über dich und dein Leben nachzu­denken?
  • Warum kannst du nie eine Schwäche zugeben?
  • Warum bedeutet dir Fas­sade alles?
  • Warum ver­acht­est du mich wegen mein­er Fresserei, während du dich täglich vol­l­laufen lässt?
  • Warum kon­ntest du nie Gefüh­le zeigen?
  • Warum bist du so hart, wenn es um andere geht, und so wein­er­lich, wenn es um dich geht?
  • Warum kannst du nicht mit deinen Schuldzuweisun­gen aufhören?

Und du? Was würdest du deinen Vater am lieb­sten ein­mal fra­gen und traust dich nicht? Schreib uns eine Email, wenn Du möcht­est.

Über den Autor/ die Autorin

Dr. Gerlinghoff / Dr. Backmund und Patientinnen

aus: „Schlankheit­stick oder Eßstörung? Ein Dia­log mit Ange­höri­gen“ (Gerlinghoff/Backmund und Pati­entin­nen, dtv 1999)

2018-08-12T13:29:45+00:00September 7th, 2018|Denkanstöße|