Plädoyer für eine lebensbegleitende Therapie anstelle eines Kliniklebens

Kirsten, Stu­dentin, 22 Jahre:

Ich habe viele Ther­a­pi­en gemacht, viele ver­schiedene, lange und kurze, sin­nvolle und grässliche. Ich weiß, dass es zu dem dama­li­gen Zeit­punkt für mich und meine Eltern keine Alter­na­tiv­en gab, und ich denke nicht, “was wäre, wenn”, aber ich wün­sche allen zukün­ftig ess­gestörten Mäd­chen und Frauen, dass sie früher auf eine Stelle stoßen kön­nen wie das TCE­fo­rum. 

Ich hat­te viele Unsicher­heit­en in meinem Leben zu der Zeit, als ich ins Forum kam — was studieren? Wo? Wer will ich sein? Werde ich Anschluss find­en in der neuen Stadt? Prob­leme des nor­malen Lebens, wie sie jed­er in unserem Alter hat, das Prob­lem ist nur, dass man als Ess­gestörte oft zu sein­er Sucht als Kom­pen­sa­tion greift, wenn es mal schwierig wird, und dann geht es wieder bergab.

Klar, es wäre für uns auch schön­er, wir kämen alleine mit allem klar, aber sich zu entschei­den, aus der Ess-Störung rauszuge­hen, heißt noch lange nicht, dass man das in allen Lebenssi­t­u­a­tio­nen umset­zen kann. Und die Sucht lauert immer um die Ecke. Ich kon­nte mit Hil­fe des Forums mein Studi­um begin­nen und habe ich Moti­va­tion, es auch weit­er­hin gut zu machen, es hinzukriegen.

Nach zwei Jahren allerd­ings wurde ich von ein­er depres­siv­en Phase über­rascht und wer weiß, wohin es geführt hätte, wenn es das Forum nicht gegeben hätte. Ich bin Stu­dentin, mein Leben ist unregelmäßig und voller Verän­derun­gen, guten und schlecht­en Über­raschun­gen. Ich ste­he mit­ten im Leben und ich möchte nicht dauernd raus­geris­sen wer­den, um wie zuvor wochen­lange Klinikaufen­thalte zu absolvieren.

Das ist für mich das Beson­dere am TCE­fo­rum, ich kann dort lebens­be­glei­t­ende Ther­a­pie machen, so würde ich es nen­nen — nicht ein “Ther­a­pieleben” führen, wie es so viele Ess­gestörte tun, die ich auf meinem Weg ken­nen­gel­ernt habe. Kliniken sind in meinen Augen da, um eine Akut­si­t­u­a­tion zu entschär­fen, alles andere ist ein Gold­kä­fig, der einen zwar für eine bes­timmte Zeit vor der Krankheit schützt, aber man lernt dort nicht damit umzuge­hen. Viel eher bekommt man dort das Gefühl, “so, jet­zt werde ich nie wieder kranke Gedanken haben, es geht mir nur noch gut”. So ist es aber nicht und man wird eiskalt erwis­cht von all den kranken, süchti­gen Gedanken, die noch so tief sitzen und sofort wieder da sind, sobald man wieder alleine ist.

Im Forum dage­gen kann man ler­nen, acht­sam zu sein, zu bemerken, was kranke Gedanken sind und wie man sie über­winden kann. Mit Frauen, die auch ein Leben leben, Sor­gen teilen — oder sich sagen, wie absurd manch­es ist, was man denkt und sich damit einen neuen Blick­winkel geben. Alles in allem waren alle Akut­ther­a­pi­en, die ich bish­er gemacht habe, Wege, nicht mehr die Kranke zu sein, die ich war — die Ther­a­pie im TCE­fo­rum ist für mich eine Stütze in mein­er Entwick­lung zu der Frau, die ich sein möchte.

Über den Autor/ die Autorin

Monika Gerlinghoff / Herbert Backmund

aus: Is(s) was?! Essstörun­gen sind Krankheit­en. Infor­ma­tio­nen und Hil­fe für Betrof­fene und ihre Ange­höri­gen. Beltz 2017. ISBN 978–407-86461–1.

2018-05-25T18:53:17+00:00August 4th, 2018|Nachsorge|