Neue Horizonte — wie ist das Leben ohne Krankheit?

Frage 1

Ich bin mit 13 Jahren erkrankt und bin seit 5 ½ Monat­en in ein­er Klinik. Ich würde gern wis­sen, wie ihr nach der Krankheit im Leben klar gekom­men seid, in Schule, mit dem Essen, mit Fre­un­den etc.?

Antwort 1

Auch ich bin sehr früh erkrankt und war lange wie gefan­gen in mein­er Essstörung. Das Leben um dich herum geht weit­er – ob mit oder ohne Essstörung. Aber ohne deine Essstörung kannst du Teil daran haben. Du wirst merken, dass es so viele Dinge und Men­schen gibt für die es sich lohnt seine Zwänge in den Griff zu bekom­men. Du wirst schöne Momente erleben, trau­rige, wütende, hoff­nungsvolle, lustige, inten­sive… All das gehört zum Leben. Deine Erkrankung und deine Erfahrung damit wird immer Teil deines Lebens sein. Daher spreche ich sehr ungern von „einem Leben nach der Essstörung“. Aber wenn man diese ver­dammte Krankheit in den Griff bekommt, dann geht man stärk­er aus ihr her­vor. Vieles das andere Men­schen als schlimm erleben, wirst du mit Links weg­steck­en. Und für andere Dinge die du als schlimm erleb­st, wirst du Lösun­gen find­en. Glaub mir es lohnt sich!!!

Nach der teil­sta­tionären Ther­a­pie dachte ich zunächst, mich kön­nte nichts mehr umhauen, ich müsse nun all das machen, was ich in der Krankheit nicht kon­nte, vor allem Dinge genießen, Sachen unternehmen und mich gut fühlen. Vielle­icht habe ich mich da zu sehr unter Druck geset­zt, da ich dachte nach 6 Monat­en Ther­a­pie doch nun gesund sein zu müssen. Es fol­gte ein Auf und Ab, vor allem stim­mungsmäßig, da es ein­fach noch dauert, bis man die Krankheit auch „draußen“ im Griff hat. Aber auch das kommt mit der Zeit, solange man bewusst lebt und ehrlich zu sich selb­st ist. Du hast bes­timmt auch einen großen Werkzeugkas­ten an Meth­o­d­en und Übun­gen aus dein­er Ther­a­pie mit­ge­bracht, den es nun gilt einzuset­zen. Aber auch das bedarf einiger Übung. Aber keine Angst, auch ein „Rück­fall“ bedeutet nicht, dass nun alles zu Ende ist und die Ther­a­pie umson­st war. Ich glaube, das ist das nor­mal­ste der Welt. Wichtig ist nur, dass du einen Rück­fall als solchen wahr nimmst und genau hin­schaust, was dazu geführt hat. Dann kannst du das näch­ste Mal früher gegen­s­teuern. So arbeitest du immer weit­er an dir und erlangst immer mehr Sicher­heit. Gib dir Zeit und sei lieb zu dir.

Antwort 2

Die erste Zeit nach der Ther­a­pie fand ich nicht ein­fach – während der Ther­a­pie hat­te ich mich so inten­siv mit mir und meinem Ver­hal­ten auseinan­der geset­zt und mich auch sehr verän­dert. Und dann kommt man zurück und stellt fest, dass sich Fre­unde und Fam­i­lie oft nicht so stark verän­dert haben. Einige mein­er früheren Fre­unde hat das eher abgeschreckt oder ich hab selb­st plöt­zlich das Gefühl gehabt: das passt nicht mehr, diese Fre­und­schaft gehört eher noch zu mein­er Essstörung. Durch meine Essstörung habe ich mich abso­lut angepasst und gefäl­lig ver­hal­ten, z.B. auch in der Schule/im Studi­um: ich war leis­tung­sori­en­tiert, zurück­hal­tend, rück­sichtsvoll etc.. Nach der Ther­a­pie war ich sehr viel unbe­que­mer, und ich habe gemerkt, dass es sehr viel schwieriger ist, wenn man sich nichts mehr gefall­en lassen möchte. Und mit dem Essen hab ich natür­lich sehr gekämpft. Aber die neue Klarheit, die ich hat­te, hat mir auch viel Kraft gegeben! Ich wusste, dass ich mich verän­dern kann und dass ich viel stärk­er bin, als ich es vor der Ther­a­pie gedacht hätte, und ich hab auch viele neue Seit­en an mir ent­deckt. Und viele Fre­unde und Bekan­nte haben darauf wertschätzend und anerken­nend reagiert. Ich hab mich in der ersten Zeit oft mit ehe­ma­li­gen Mit­pa­ti­entin­nen getrof­fen, hat­te auch das Glück, lange Zeit zur Nach­sorge gehen zu kön­nen, und der Aus­tausch dort hat mir sehr geholfen.

Ich habe lange nach dem Essen­s­plan gegessen und tue das immer wieder in unsicheren Zeit­en. Aus dein­er Frage klingt her­aus, dass du selb­st weißt, dass es momen­tan noch zu früh ist, ohne Essen­s­plan auszukom­men. Aber der Zeit­punkt wird kom­men, an dem du freier wer­den kannst.

Frage 2

Welch­es Gefühl kehrt zuerst zurück, der Hunger oder die Sät­ti­gung? Was hat das bei Euch aus­gelöst – Freude oder Angst?”

Antwort 1

Ich kann nur von mir sprechen. Bei mir kam bei­des irgend­wann wieder. Zunächst fand ich es sehr unan­genehm und es hat wirk­lich lange gedauert bis ich mich daran gewöh­nt habe. Hunger zu haben und sich satt zu essen, ist keine Schande, keine Schwäche oder son­st irgen­det­was in dieser Rich­tung. Es ist das Natür­lich­ste von der Welt. Ver­suche dich abzu­lenken, wenn es beson­ders schlimm ist. Entwick­ele irgen­dein Rit­u­al: geh spazieren oder ver­suche einen kurzen Artikel zu lesen. Konzen­triere dich ganz bewusst darauf und führe deine Konzen­tra­tion bei abschweifend­en Gedanken immer wieder zurück. Das muss zu Beginn nicht klap­pen. Vielle­icht schaffst du es nur für ein paar Minuten. Aber es wird bess­er!!!

Antwort 2

Hunger kam zuerst für mich wieder, ein natür­lich­es Sät­ti­gungs­ge­fühl war ganz schwierig zu erspüren für mich, weil es so sehr von mein­er Tages­form abhing, wie groß oder klein ich eine Por­tion emp­fand. Es hat einige Zeit gedauert, Hunger und Sät­ti­gung als Kör­perge­füh­le wahr zu nehmen, denen ich ver­trauen kann.

In der Krankheit war es immer ein riesiger inner­lich­er Tri­umph, den Hunger zu besiegen – dieses Gefühl des Tri­umphes nicht mehr zu ver­mis­sen, hat lange gedauert. Sich auf ein Essen zu freuen und es zu genießen, mal gemein­sam, mal für sich, fühlt sich vielle­icht weniger tri­umphal an, aber so frei und fröh­lich, dass ich ohne das nicht mehr leben möchte!

Am Anfang hat es mir auch geholfen, mir von Men­schen, denen ich ver­traue – bei mir über­wiegend Fre­undIn­nen – eine Por­tion geben zu lassen. Kein­er will dich mästen, auch wenn man das am Anfang denkt. Glaub mir, ich kenne diesen Gedanken nur zu gut. Ver­such es ein­mal und spreche dabei über etwas anderes, wie gesagt. Mit der Zeit und den schö­nen gemein­samen Aben­den oder Essen wird es bess­er.

Über den Autor/ die Autorin

ehemalige Patientin(nen) des TCEforum

2018-10-03T11:46:13+00:00Oktober 3rd, 2018|Aktuelles, Innenansichten|