Nachsorge im TCEforum

Die Notwendigkeit der Nach­sorge (Ter­tiär­präven­tion) bei der Behand­lung von Ess-Störun­gen ergibt sich aus dem üblichen Ver­lauf dieser Krankheit­en: In ein­er mehrwöchi­gen oder mehrmonati­gen sta­tionären Behand­lung wird üblicher­weise ein Gewicht im Norm­bere­ich erre­icht, das Essver­hal­ten ist durch eine vorgegebene Struk­tur geregelt, Essan­fälle treten, wenn über­haupt, nur noch sel­ten auf. Aber der Trans­fer des gel­ern­ten Ver­hal­tens aus dem Schutz ein­er klin­isch-ther­a­peutis­chen Insti­tu­tion in den All­t­ag mit allen beste­hen­den, üblichen Unsicher­heit­en ist schwierig.

Essen für sich allein zu kochen oder in der Men­sa oder Kan­tine zu essen wird zum Prob­lem, die gel­ernte Struk­tur gerät bald durcheinan­der. Anorek­tisch denk­ende Pati­entin­nen neigen im Zweifels­fall zur “Einsparung”, wie sie es nen­nen, bulim­is­che Pati­entin­nen essen etwas mehr. Emo­tionale Belas­tun­gen, Störun­gen des per­fek­tion­is­tis­chen Sys­tems, Frust und Langeweile ebnen den Weg in einen Rück­fall. Weil ein Rück­fall als selb­st ver­schuldet erlebt wird, ist die Hürde, sich erneut Hil­fe zu holen, sehr hoch. Außer­dem haben nicht wenige Pati­entin­nen — meist auch ihre Eltern — bei Ent­las­sung aus der Klinik entsch­ieden, ab jet­zt gesund sein zu müssen.

Wie funk­tion­iert Nach­sorge?

Unser­er Vorstel­lung nach sollte ide­al­er­weise Nach­sorge als Behand­lungsphase unmit­tel­bar an eine sta­tionäre Behand­lung anschließen und selb­stver­ständlich möglichst bald nach einem Rück­fall.

Ein wichtiger Bestandteil ist dabei eine indi­vidu­elle Ernährungs­ber­atung mit Essen­s­plan, angepasst an die All­t­agssi­t­u­a­tion, aber auch ein prak­tis­ches Train­ing ein­schließlich Einkauf und Zubere­itung von Speisen.

Nach­sorge in ein­er Gruppe dient im Beson­deren dazu, ein indi­vidu­elles Krankheitsver­ständ­nis anhand der eige­nen Krankengeschichte zu erar­beit­en. Das Ver­ste­hen der eige­nen Krankengeschichte ist eine entschei­dende Rück­fall­pro­phy­laxe. Auch deshalb ist Psy­choe­duka­tion in unserem Ther­a­piekonzept längst unverzicht­bar.

Pati­entin­nen mit ein­er Ess-Störung, beson­ders mit ein­er restrik­tiv­en Mager­sucht, haben nicht sel­ten eine eingeschränk­te oder aufge­hobene Störung der Wahrnehmung eigen­er und/oder fremder Gefüh­le (Alex­ithymie). Im Ver­lauf eines Rück­ganges von Symp­tomen der Ess-Störung kann gele­gentlich ein Wieder­ent­deck­ung von Gefühlen beobachtet wer­den. Auch diese Form der Auseinan­der­set­zung mit Symp­tomen ein­er Ess-Störung ist nach unser­er Erfahrung fast immer erst während ein­er Nach­sorgephase möglich und sin­nvoll.

In unser­er jet­zi­gen Nach­sorge­gruppe geht es nicht in erster Lin­ie um Zu- oder Abnahme, son­dern vielmehr darum, ein bes­timmtes, stim­miges Gewicht zu hal­ten. Beim Esspro­gramm bleibt somit mehr Zeit, vor allem für genussvolles gemein­sames Essen und eine entsprechende Zubere­itung. Zur Erhöhung der Com­pli­ance haben wir unser Ther­a­pieange­bot an die Aus­bil­dungssi­t­u­a­tion der Pati­entin­nen, meist Stu­dentin­nen, angepasst:

Basis­ther­a­pie, 1 Tag pro Woche, z. B. Fre­itag von 10 is 17.30 Uhr

Inten­siv-Woch­enende, 3 Tage im Monat, z. B. Fre­itag bis Son­ntag. (Fam­i­lien­work­shop ein­schließlich Geschwis­tern und Part­nern am Son­ntag.)

Ferien­akademie, 6 zusam­men­hän­gende Wochen­tag jew­eils ganz­tags von 10 bis 17.30 Uhr ein­schließlich Esspro­gramm mit gemein­samen Mahlzeit­en.

Über den Autor/ die Autorin

Monika Gerlinghoff / Herbert Backmund / Cordula Obermeier

aus: Essen will gel­ernt sein — Bei Essstörun­gen und auch son­st. Beltz 2017, ISBN 978–3-407–86489-5

2018-05-24T12:37:59+00:00Mai 26th, 2018|Nachsorge|