Keine Frage von Schuld

Jes­per Juul schreibt (zitiert aus “Das Kind in mir ist immer da. Mein Leben für die Gle­ich­würdigkeit”, S. 157/8, erschienen 2018 bei Beltz):

Ich glaube, dass elter­liche Schuldge­füh­le, also inwieweit Eltern sich ständig Vor­würfe machen, ver­sagt zu haben, nicht von der Zuge­hörigkeit zu ein­er Nation abhän­gen. Vielmehr spielt die Reli­gion eine große Rolle. In haupt­säch­lich katholis­chen Län­dern fühlen sich die Leute viel häu­figer schuldig. Wobei in Deutsch­land die Fol­gen des Zweit­en Weltkrieges sicher­lich eine Haup­trol­le spie­len. 

In Frank­furt gibt es eine sehr gute Com­mu­ni­ty, die sich mit sys­temis­ch­er Fam­i­lien­ther­a­pie befasst. Die waren darauf gekom­men, dass Kinder mit ADS aus Fam­i­lien kamen, die aus dieser Zeit her­aus stark trau­ma­tisiert waren. Als ich mit ihnen vor langer Zeit gesprochen habe, haben sie eine sehr aufwendi­ge und sorgfältige Studie erstellt. Sie hat­ten mit 200 Fam­i­lien bis zu 15 Sitzun­gen durchge­führt. Und ihre Schlussfol­gerung war, dass es stimmte: Die Kinder waren trau­ma­tisiert. Ich glaube, dass das sehr zutrifft. Aber es ist ander­er­seits schwierig, diese Erken­nt­nisse auf andere Län­der zu über­tra­gen. Ein­fach deswe­gen, weil es kaum eine deutsche Fam­i­lie gibt, in der keine sys­temisch angelegten Trau­ma­ta vorkom­men. Insofern mag das mit den Schuldge­fühlen für Deutsch­land schon sehr zutr­e­f­fend sein. Und es ist genau der Grund dafür, dass ich schon immer darauf hingewirkt habe, Schuld und Fehler durch den Begriff der Ver­ant­wor­tung zu erset­zen. Das ist harte Arbeit, aber eines Tages wer­den wir vielle­icht Erfolg damit haben.

Was genau ist der Unter­schied zwis­chen sich schuldig oder sich ver­ant­wortlich zu fühlen? Man sagt, Sor­gen sind wie ein Schaukel­stuhl: Sie hal­ten dich zwar in Bewe­gung, aber brin­gen dich nicht voran. Schuld paralysiert die Leute, du kannst nichts verän­dern, wenn du dich schuldig fühlst. Du bleib­st immer an der gle­ichen Stelle. Was bedeutet, dass du tat­säch­lich zu ziem­lich schlecht­en Eltern wer­den kannst.

Ver­ant­wor­tung übernehmen meint hinge­gen, der Tat­sache ins Auge zu sehen, dass wir als Eltern großen Ein­fluss darauf haben, wie sich ein Kind entwick­elt. Oft kooperieren Kinder mit ihren Eltern auf eine selb­st­de­struk­tive Art und Weise, die kein Eltern­teil jemals akzep­tieren würde, kön­nten die Kinder ihn oder sie vorher fra­gen. Doch kaum ein Kind unter zehn Jahren ist dazu fähig. Dieses Ein­flusses soll­ten wir uns bewusst sein, und wenn wir Fehler machen, was immer passiert, kön­nen wir sie kor­rigieren. Fehler sind keine Katas­tro­phe, die Kinder wer­den uns deshalb nicht umbrin­gen. Kinder wis­sen instink­tiv aus ihrem eige­nen Erleben, dass man Fehler macht, wenn man dabei ist, etwas zu ler­nen. Dass es fünf Mil­lio­nen Mal am Tag passieren kann, dass man Fehler macht.

Für Eltern von Jugendlichen oder erwach­se­nen Kindern trifft dies in ganz beson­der­er Weise zu. Das Einzige, was Schuld beseit­i­gen kann, ist Ver­an­wor­tung. Wenn Eltern es also schaf­fen, real­is­tisch zu denken, kön­nen sie zu sich selb­st oder dem Part­ner sagen: “Als Eltern ist es schlichtweg nicht möglich, per­fekt zu sein. Für die Fehler, die ich mache oder gemacht habe, kann ich aber Ver­ant­wor­tung übernehmen.” So kön­nen sie Kri­tik, egal ob sie real oder nur in ihrer Vorstel­lung existiert, annehmen und antworten: “Du hast recht. Ich tat, was ich tat, weil ich es nicht bess­er wusste.”

Welchen Schluss kön­nen nun Eltern ess­gestörter Pati­entin­nen und Patien­ten daraus für sich ziehen? Ich per­sön­lich glaube an die Wahrheit der fett gedruck­ten Sätze. Die Schuld­frage ist obso­let, wenn Eltern sich trauen, für Hand­lun­gen und Aus­sagen im Nach­hinein Ver­ant­wor­tung zu übernehmen. Wenn sie beispiel­sweise erken­nen, dass sie ihrer Tochter nicht das Gefühl geben kon­nten, genau so richtig und in Ord­nung zu sein, wie sie war. Oder wenn Eltern Ver­ant­wor­tung dafür übernehmen, dass sie mit dem kranken Leis­tungsanspruch ihrer Tochter im Grunde ganz ein­ver­standen waren und nicht sehen woll­ten, dass ihr Kind nichts anderes mehr machte als ler­nen, ler­nen, ler­nen.

Über solche Erken­nt­nisse von man­gel­hafter Ver­ant­wor­tungsüber­nahme kön­nen Betrof­fene und Eltern wieder ins Gespräch miteinan­der kom­men. Türen, die längst zugeschla­gen glaubten, kön­nen sich wieder öff­nen. Ich finde den Ansatz von Juul sehr beacht­enswert.

2018-07-04T22:19:03+00:00Juli 4th, 2018|Gedrucktes|