Ich leide unter dem Völlegefühl — was kann ich tun?

Wie kann man mit dem starken Völ­lege­fühl umge­hen, wenn man zunehmen will und mehr isst und sich der Magen schon sehr lange an kleine Por­tio­nen gewöh­nt hat?

Antwort 1

Mir hat immer sehr ein kleines Essen­stage­buch geholfen, in das wir in der Ther­a­pie nach jed­er Mahlzeit aufgeschrieben haben, wie wir uns nach dem Essen fühlen. So kon­nte ich die quälen­den Gedanken, die das Völ­lege­fühl begleit­en, durch das Nieder­schreiben schon ein biss­chen in den Griff bekom­men. Aber auch Ablenkung wie Musik, die du gerne hörst, kann hil­fre­ich sein. Ich glaube, es ist wichtig, dabei so viel wie möglich aus zu pro­bieren. Dass du zunehmen möcht­est und damit etwas gegen deine Krankheit tun möcht­est, finde ich echt stark!! Auch wenn es sich erst­mal elend anfühlt: ich kann dir nur von mir sagen, dass es sich so sehr lohnt!

Antwort 2

Ich kenne das Gefühl sehr gut. Ich musste auch ins­ge­samt über 20 kg während mein­er Ther­a­pie zunehmen, was mir anfangs unerr­e­ich­bar vorkam und mit sehr großer Angst ver­bun­den war. Vor meinem Aufen­thalt in der Klinik habe ich kaum noch etwas gegessen und plöt­zlich sollte ich wieder nor­male Por­tio­nen essen. Das ständi­ge Gefühl zu platzen kenne ich sehr gut. Man ist von der vorheri­gen Mahlzeit immer noch so satt und muss schon wieder die näch­ste essen. Es hat bei mir auch sehr lange gedauert bis sich mein Magen und auch mein Kör­perge­fühl daran gewöh­nt haben. Man muss immer bedenken wie lang man davor krank war und reduziert gegessen hat. Da ist es selb­stver­ständlich, dass der Kör­p­er und der Kopf seine Zeit brauchen um sich wieder an eine regelmäßige Nahrungszu­fuhr zu gewöh­nen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es Phasen gab in denen mir das Essen und Zunehmen leichter fie­len und doch immer wieder Zweifel kamen, ob ich das aushal­ten kann und die Krankheit wirk­lich immer weit­er aufgeben möchte. Doch es lohnt sich wirk­lich zu kämpfen und es wird irgend­wann auch leichter. Was mir geholfen hat die schwieri­gen Phasen auszuhal­ten und trotz­dem weit­erzukämpfen waren zahlre­iche ABCs die ich in den ver­schieden­sten Sit­u­a­tio­nen geschrieben habe. Das kon­nte unmit­tel­bar nach dem Essen sein, nach Sit­u­a­tio­nen, die mich wieder verun­sichert haben oder wenn meine Äng­ste vor dem Zunehmen und mein schlecht­es Kör­perge­fühl mich wieder quäl­ten. Ich habe meine ganzen neg­a­tiv­en und abw­er­tenden Gedanken aufgeschrieben und ver­sucht sie zu rel­a­tivieren bzw. ihnen pos­i­tive Gedanken ent­ge­gen­zuset­zen. Oft habe ich mir für die pos­i­tiv­en Gedanken auch die Hil­fe mein­er Mit­pa­ti­entin­nen geholt, wenn ich von allein nicht mehr weit­er gekom­men bin. Wichtig ist, dass man pos­i­tive Gedanken find­et, die für einen selb­st stim­mig sind. Außer­dem mussten bei mir die pos­i­tiv­en Gedanken immer über­wiegen, um die neg­a­tiv­en Gedanken, die sehr stark aus­geprägt waren, bekämpfen zu kön­nen. Ich zeige euch ein ABC, das ich während meines Klinikaufen­thalts geschrieben habe, vielle­icht hil­ft es euch ein wenig.

Neg­a­tive Gedanken beim Essen

-Oh Gott, ich habe schon wieder so viel gegessen; ich bin jet­zt sich­er ein Kilo schw­er­er

- ich füh­le mich dick und habe ein schlecht­es Gewis­sen, weil ich etwas gegessen habe

- wenn ich so weit­er mache werde ich immer dick­er

- ich mag nie wieder so viel essen

- es ist pein­lich, so viel zu essen; alle denken sich­er, dass ich total ver­fressen bin

- Mein Bauch war lange nicht mehr so dick wie jet­zt und er wird immer dick­er

- ich werde zu viel und zu schnell zunehmen und kein­er wird etwas dage­gen tun

- ich möchte mich jet­zt am lieb­sten bewe­gen, damit sich das Fett nicht so sehr anset­zt

- alle wer­den mich zu Hause aus­lachen und über mich lästern, wenn sie sehen, dass ich zugenom­men habe

- ich mag nicht, dass mein Vater stolz auf mich ist, weil ich esse und zunehme

- ich möchte nicht dick oder nor­mal wer­den, son­dern dünn bleiben

- wäre ich nicht in die Klinik gekom­men, müsste ich nichts mehr essen und kön­nte zu Hause wieder abnehmen

- ich habe doch ger­ade gegessen und jet­zt muss ich schon wieder essen; ich werde platzen

- wenn ich weit­er­hin so viel esse, wer­den mir meine Hosen nicht mehr passen und ich muss wieder so viel Geld für neue aus­geben

- Wenn man meine Knochen nicht sieht, wird mich kein­er mehr beacht­en

- ich werde mein ganzes Leben lang unzufrieden mit mein­er Fig­ur sein, wenn ich so dick werde

- Wie kon­nte ich nur nachgeben und so viel essen, ich bin ein Ver­sager!

+ es ist gar nicht möglich, dass man so viel auf ein­mal zunimmt; wenn, dann ist es nur Flüs­sigkeit

+ Ich habe eine verz­er­rte Wahrnehmung; nur ich denke, dass ich dick bin, alle anderen sagen, dass ich total dünn ausse­he

+ ich werde nie dick wer­den, weil mein Ziel­gewicht im unteren Nor­mal­bere­ich liegt

+ Außer­dem verteilen sich die Kilos auf meinen ganzen Kör­p­er und man wird es gar nicht so sehen, dass ich zugenom­men habe

+ die Mäd­chen, die die Ther­a­pie schon abgeschlossen haben, sehen ja auch nicht dick aus

+ wenn ich nicht esse, werde ich nie ein nor­males Leben führen kön­nen

+ Wenn ich esse, habe ich mehr Kraft und kann Sport machen

+ die anderen essen auch so viel wie ich und sind nicht ver­fressen

+ es ist ganz nor­mal, wenn man etwas isst, das gehört zum Leben dazu und ist nicht pein­lich

+ mein Bauch kommt mir nur dick vor, wenn ich von oben herunter schaue

+ est ist nor­mal, dass der Bach nach dem Essen nicht ganz flach ist, man hat ja etwas im Magen

+ die Ernährungs­ther­a­peutin­nen wer­den auf­passen, dass ich nicht zu schnell zunehme und wenn ich es nicht mehr aushalte, kann ich ein Gewichtsstop haben

+ die Ernährungs­ther­a­peutin­nen wollen auch nicht, dass man zu viel und zu schnell zunimmt und helfen mir mit dem Gewicht klar zu kom­men

+ es set­zt sich nicht nur Fett an, son­dern es wer­den auch Muskeln aufge­baut; es wer­den erst mal alle leben­snotwendi­gen Organe ver­sorgt ehe der Kör­p­er Fet­tre­ser­ven anset­zt

+ ich bewege mich ja auch genug und muss nicht d3en ganzen Tag sitzen

+ die Leute zuhause wer­den alle stolz auf mich sein und froh sein ‚wenn sie sehen, dass es mir bess­er geht; sie wer­den mir Kom­pli­mente machen und mich nicht aus­lachen, weil ich dann bess­er ausse­he

 

+ wenn ein ander­er zunehmen würde, würde ich ihn auch nicht aus­lachen

+ mein Vater ist auch auf andere Dinge stolz z.B. gute Noten; er meint es ja nur gut und macht sich große Sor­gen, weil ich krank gewor­den bin

+ mein Vater ist froh und erle­ichtert, wenn es mir wieder bess­er geht

+ wenn ich dünn bleibe, kann ich kein nor­males Leben führen und meine Gedanken wür­den sich wieder nur ums Essen drehen; ich wäre auch die ganze Zeit wieder trau­rig

+ wenn ich nicht mehr so dünn bin, werde ich auch wieder Ten­nis spie­len kön­nen und tanzen

+ ich habe dann auch wieder mehr Lust etwas zu unternehmen

+ wenn ich zu Hause weit­er abgenom­men hätte, wäre ich irgend­wann gestor­ben

+ durch meine Knochen falle ich eher neg­a­tiv

auf, alle hal­ten mich für ein Skelett

+ wenn man meine Knochen nicht mehr so sieht, falle ich eher pos­i­tiv auf, weil ich dann hüb­sch­er bin

+ ich bin ein  Ver­sager, wenn ich mich aus Sturheit zu Tode hun­gere und nicht, wenn ich esse

+ ich habe nicht ver­sagt, son­dern gekämpft

+ es ist eine Stärke zu essen und damit die Krankheit zu besiegen

 

Außer­dem haben mir Pro-/Con­tra-Lis­ten weit­erge­holfen. Ich habe mir immer wieder bewusst gemacht, was mich noch an der Krankheit hält und wieso es sich lohnt weit­erzukämpfen.

Mager­sucht

PRO CONTRA
-       ich muss mein Ziel­gewicht nicht erre­ichen und komme mit mein­er Fig­ur besserk­lar

-       ich bekomme mehr Aufmerk­samkeit und füh­le mich als etwas beson­deres

-       ich kann endlich nach Hause gehen

-       ich passe noch in kleinere Hosen

-       Zunehmen ist eine reine Qual für mich

-        ich kann kein nor­males Leben führen

-       ich bin schwäch­er und kann nicht so gut Sport machen

-       ich habe keine weib­lichen Run­dun­gen

-       meine Stim­mung ist schlechter

-       ich bekomme nur Mitleid

-       ich habe nicht so viel Lust etwas zu unternehmen und die Gefahr ist groß, dass ich mich wieder isoliere

-       die Wahrschein­lichkeit einen Part­ner zu find­en, der die Krankheit akzep­tiert, ist geringer

-       ich muss möglicher­weise wieder in eine Klinik

-       ich werde oft geärg­ert und nicht ernst genom­men

-       ich werde nie ler­nen mir etwas Schönes zu gön­nen und das Leben zu genießen

-       ich kann bleibende Schä­den bekom­men

-       wenn ich mehr wiege, habe ich eine bessere Ausstrahlung

-       meine Gedanken drehen sich nur ums Essen und meine Fig­ur, ich habe keinen Platz für andere Inter­essen

 

Und was auch ganz wichtig ist, ler­nen sich etwas Gutes zu tun, sich neue Klam­ot­ten zu kaufen, seinen Kör­p­er ver­wöh­nen, Wohlfüh­lübun­gen machen. Und ganz viel ablenken, Dinge machen, die einem Freude bere­it­en und einen die neg­a­tiv­en Gedanken vergessen lassen. Ich weiß wie hart der Kampf gegen die Essstörung ist und dass es immer wieder Rückschläge geben kann, aber es lohnt sich wirk­lich zu kämpfen. Und lieber man gibt die Krankheit so früh wie möglich auf, als das man kost­bare Zeit in seinem Leben vergeudet.

Lei­der kon­nte ich bei der Tagung in Berlin wegen ein­er Prü­fung nicht dabei sein, aber ich bin gerne bere­it noch weit­ere Fra­gen zu beant­worten.

Über den Autor/ die Autorin

ehemalige Patientin(nen) des TCEforum

2018-09-28T19:09:48+00:00September 30th, 2018|Aktuelles, Innenansichten|