Geliebte Sucht, treue Freundin, hiermit trenne ich mich von dir”

Liebe Sucht,

du hast mich jet­zt sechs Jahre meines Lebens begleit­et und wahrschein­lich warst du auch schon früher bei mir. Du hast mir in so vie­len schlim­men Tagen zur Seite ges­tanden. Wenn ich nicht mehr weit­er­wusste, warst du da. Du warst die treueste mein­er Fre­undin­nen. Egal, was ich getan habe, auf dich kon­nte ich mich ver­lassen. Du hättest mich nie allein gelassen oder mich ver­let­zt. Du hast mir geholfen, die Fas­sade aufrecht zu erhal­ten. Mit dir kon­nte ich nach außen stark sein, weil du meine heim­lich Stütze warst. Wofür brauchte ich Fre­unde und Eltern, die mich nicht ver­standen — du hast mich immer ver­standen. Du hast nie gesagt: “Steigere dich da nicht so rein. Es ist doch nicht so schlimm. Dir geht es doch gut!” Du hast mir geholfen, mit meinen “über­schwänglichen” Gefühlen fer­tig zu wer­den, die andere nur abge­tan haben.

Wir zwei kon­nten so schöne Abende miteinan­der ver­brin­gen, leere Stun­den füllen. Der Umgang mit anderen war oft so anstren­gend und manch­mal auch schmerzhaft. Du hast mich nie belei­digt oder hast dich über mich lustig gemacht. Dir war es auch egal, wie ich ausse­he. Wenn ich mich nicht mehr vor die Tür gewagt habe, weil ich mich so hässlich fand, kon­nten wir uns die Zeit vertreiben. Mit dir kon­nte ich mich entspan­nen. Endlich mal nichts mehr denken. Mich fall­en lassen. Das kon­nte ich son­st nie, bei nie­man­dem, nicht mal bei meinem Fre­und. Schon gar nicht beim Sex. Die einzige Entspan­nung warst du. Du warst meine Flucht, mein Vergessen, mein stark­er Arm, mein See­len­tröster. Ein Betäubungsmit­tel. Eine Droge.

Jet­zt merke ich aber, dass ich nicht mehr will. Dass du mich kaputt gemacht hast. Deine Gegen­wart hat mich isoliert. Du stellst dich zwis­chen mich und die Men­schen, die mir nahe sind. Du duldest keine Fre­unde neben dir. Das werde ich nicht mehr zulassen. Der Preis für deine Zuwen­dun­gen ist mir zu hoch. Deine Fre­und­schaft ist gefährliche Augen­wis­cherei. Durch dich werde ich immer ein­samer, immer ver­let­zlich­er, immer trau­riger. Das hil­ft mir nicht. Du bringst mich langsam um. Für das kurze Vergessen, für die paar schö­nen Stun­den forder­st du mein ganzes Leben. Mein Leben gehört aber nur mir. Ich bes­timme ganz allein darüber. Ich will gar nicht mehr von dir betäubt wer­den. Ich will wieder fühlen und denken. Und wenn das nicht immer schön ist, nehme ich das in Kauf. Nein, ich freue mich sog­ar darauf. Ich habe mich entsch­ieden, mich von dir zu tren­nen, weil du mich davon abge­hal­ten hast zu leben. Und ich will leben. Auch wenn du das nicht akzep­tieren kannst und immer wieder zu mir kommst, ich werde dich wieder wegschick­en. Und wenn ich mir in schwachen Momenten deine Nähe wün­sche, werde ich mich an deine schlecht­en Seit­en erin­nern, gegen die Sehn­sucht kämpfen, weil ich weiß, dass es mich zer­stört, wenn ich nachgebe.

Geliebte Sucht, treue Fre­undin, hier­mit trenne ich mich von dir. Ich mache Schluss mit der jahre­lan­gen Quälerei. Ich brauche dich nicht mehr. Ich will dich nicht mehr. Ich wäh­le das Leben und die Frei­heit. Ich will auf­ste­hen und meine eige­nen Schritte machen. Geh mir aus dem Weg!!!

Erkennst du dich in Susan­nas Schilderun­gen wieder? Dann tu was! Für den Anfang kön­ntest du dich an das iswasdanntuwas.de-Team wen­den, wenn du magst.

Über den Autor/ die Autorin

Monika Gerlinghoff / Herbert Backmund / Cordula Obermeier

aus: Essen will gel­ernt sein — Bei Essstörun­gen und auch son­st. Beltz 2017, ISBN 978–3-407–86489-5

2018-06-20T22:28:39+00:00Juli 9th, 2018|Innenansichten|