Für mich ist Nachsorge die eigentliche Therapie

Für mich ist die Nach­sorge die eigentliche Ther­a­pie. In der Klinik habe ich es über einen län­geren Zeitraum geschafft, zuzunehmen und mich wieder an nor­male Men­gen zu gewöh­nen, jedoch hat der Klinikall­t­ag mit meinem All­t­ag als Stu­dentin außer­dem dem Essen und Schlafen nichts gemein­sam. Das wahre Leben find­et nun mal nicht in einem Kokon statt, son­dern man muss mit den ganz nor­malen, aber für uns Ess­gestörte häu­fig unaufhalt­baren Unsicher­heit­en umge­hen ler­nen.

Es ist ein langer Prozess, ohne seine Krankheit Schick­salss­chläge auszuhal­ten und kon­struk­tiv zu ver­ar­beit­en. Eine Riesen­hil­fe stellt die Gruppe dar, ein Kreis von jun­gen Frauen, die durch ihr unglaublich­es Ver­ständ­nis, aber auch den richti­gen Grad an Kri­tik, unter­stützen, auf­bauen und Tipps geben kön­nen.

Die Bewäl­ti­gung ein­er Ess-Störung beste­ht lei­der aus so viel mehr, als nur wieder richtig essen zu ler­nen. Sie hat sich über die Jahre in so viele Bere­iche eingeschlichen, dass man erst nach Bewäl­ti­gung der Symp­tome an die Kern­punk­te gelangt und somit die “Wurzeln der Erkrankung” ziehen kann. Unsicher­heit­en in der Ablö­sung von den Eltern, Beziehungsmuster, die seit Jahren so waren, Ein­samkeit nach dem Auszug, Zukun­ft­s­pla­nung — das sind alles The­men, zu denen man in der Akut­ther­a­pie gar nicht inten­siv genug kommt oder die vor lauer Essen im Kopf noch gar nicht wirk­lich zugänglich sind.

Gemein­sam immer wieder Kern­the­men des Lebens zu bear­beit­en und Unsicher­heit­en zu klären, ver­hin­dert nach­haltig, dass sich bes­timmte kranke, aber jahre­lang erlernte und somit nicht schnell löschbare Ver­hal­tens­muster erneut einschleichen.Eine Basis zu haben, zu der man immer wieder zurück­kehren kann, ist, denke ich, das Wichtig­ste bei solch ein­er Krankheit, die lei­der eine sehr hohe Rück­fal­lquote hat.

Über den Autor/ die Autorin

Monika Gerlinghoff / Herbert Backmund / Cordula Obermeier

aus: Essen will gel­ernt sein — Bei Essstörun­gen und auch son­st. Beltz 2017, ISBN 978–3-407–86489-5

2018-05-24T12:37:31+00:00Mai 30th, 2018|Nachsorge|