Eltern müssen erkennen, dass Ess-Störungen Krankheiten sind

Viele Eltern sind zunächst der fes­ten Überzeu­gung, den “Hunger-Tick” ihrer Tochter allein, ohne ther­a­peutis­che Hil­fe, in den Griff zu bekom­men, zumal sie ihren Erziehungsstil nicht infrage stellen. Eltern stellen immer wieder die Frage nach geeigneten Maß­nah­men, wie sie ihrer Tochter im famil­iären Bere­ich zu einem vernün­fti­gen Essver­hal­ten ver­helfen kön­nen. Sie möcht­en die Fäden in der Hand behal­ten und die Kon­trolle über ihr Kind nicht hergeben. Sie sind lange Zeit der Überzeu­gung, Hungertick oder Heißhunger­at­tack­en seien die einzige Prob­lematik ihrer Tochter. So wen­den sie sich, von Aus­nah­men abge­se­hen, zunächst an Ernährungs­ber­ater, Homöopa­then, Kinder- und Jugendmedi­zin­er, Hausärzte und Internisten mit dem dezi­dierten Wun­sch, der Ess-Störung ein möglichst schnelles Ende zu bere­it­en.

Manche Eltern wollen nicht ein­se­hen, dass es sich bei der Mager­sucht und Bulim­ie um Krankheit­en han­delt, nicht zulet­zt deshalb, weil sie sich dadurch ver­let­zt, gekränkt und bloßgestellt fühlen. Sie lehnen eine notwendi­ge Psy­chother­a­pie aus ein­er tief­sitzen­den Vor­ein­genom­men­heit her­aus ab; sie haben neg­a­tive Assozi­a­tio­nen an schon ein­mal Gehörtes oder Gele­senes und empfind­en eine behand­lungs­bedürftige psy­cho­so­ma­tis­che Krankheit in der Fam­i­lie als per­sön­liche Nieder­lage und Schande — im Unter­schied zu ein­er organ­is­chen Krankheit. Für nicht wenige bedeutet Psy­chother­a­pie sog­ar eine exis­ten­tielle Bedro­hung.

Verzwei­flung, Hil­flosigkeit, Schuldge­füh­le, aber auch Wut, Agres­sio­nen und Ver­ach­tung kön­nen in den Eltern durch die Ess-Störung der Tochter aus­gelöst wer­den.

Wie geht es Ihnen mit der Krankheit Ihrer Tochter? Wo ord­nen Sie sich selb­st ein? Fühlen Sie Schuld und Scham? Tun Sie das nicht. Reden Sie. Am besten mit Ihrer Tochter, aber auch gern mit uns oder einem Ther­a­peuten Ihres Ver­trauens. Ess-Störun­gen sind ern­stzunehmende Krankheit­en.

 

 

Bild: TCE­fo­rum

Über den Autor/ die Autorin

Monika Gerlinghoff / Herbert Backmund

aus: Is(s) was?! Essstörun­gen sind Krankheit­en. Infor­ma­tio­nen und Hil­fe für Betrof­fene und ihre Ange­höri­gen. Beltz 2017. ISBN 978–407-86461–1.

2018-06-20T22:29:06+00:00August 12th, 2018|Denkanstöße|