Eltern, hilflos — und machtlos

Meine Eltern begrif­f­en eines Tages, dass ich auf dem Weg war, mager­süchtig zu wer­den. Sie rede­ten auf mich ein, ich solle wieder nor­mal essen, schleiften mich zum Hausarzt, in eine Beratungsstelle. Mein Vater hielt lange Monologe, meine Mut­ter brach pausen­los in Trä­nen aus, aber sie kon­nten mich nicht erre­ichen. Ich hat­te endlich etwas gefun­den, was nur mir gehörte, mir ganz allein. Ich sagte mir immer wieder, mein Kör­p­er gehört mir, ich kann damit machen, was ich will. Meine Eltern wussten mein Leben lang, was gut für mich ist und richtig. Pfuscht­en ständig in mein Leben hinein. Ich hat­te nichts Eigenes, nichts, was nur mir allein gehörte. Es gab keine Gren­zen, keine Indi­vid­u­al­ität. Meine Eltern hiel­ten uns für eine tolle Fam­i­lie. Sie nan­nten es Ver­trauen, wenn sie alles von mir wis­sen woll­ten und alles von mir zu wis­sen glaubten. Ich hätte mir gewün­scht, dass ich es nicht nötig gehabt hätte, eine lange Zeit in mein­er Krankheit etwas Großar­tiges, Ein­ma­liges zu sehen. Eine Krankheit, die mir beina­he zum Ver­häng­nis gewor­den wäre und in die ich mich immer weit­er reinge­hungert habe, nur um mich zu find­en und um allein zu sein. Ich finde es gut, wenn man sich in ein­er Fam­i­lie umeinan­der küm­mert. Aber ich finde gut, wenn die Intim­sphäre des anderen respek­tiert wird und Eltern früh begreifen, dass sie ihr Kind nicht besitzen, son­dern dass es ein eigen­ständi­ges Wesen ist.“

 

Abb.: ehem. Pati­entin des TCE­fo­rum

Über den Autor/ die Autorin

Dr. Gerlinghoff / Dr. Backmund und Patientinnen

aus: „Schlankheit­stick oder Eßstörung? Ein Dia­log mit Ange­höri­gen“ (Gerlinghoff/Backmund und Pati­entin­nen, dtv 1999)

2018-05-21T21:36:54+00:00Mai 24th, 2018|Innenansichten|