Ein Tag in meiner Krankheit — eine 16jährige berichtet

Aus dem Bericht ein­er 16jährigen mit Anorex­ia ner­vosa: 

Ein Tag in mein­er Krankheit

Pünk­tlich um 6.15 Uhr muss ich auf­ste­hen. Gehe auf die Toi­lette, um mich anschließend zu wiegen. Hab ich abgenom­men oder zugenom­men? Ich weiß, dass sich meine Stim­mung nach dem Ergeb­nis der Waage richt­en wird. Voller Panik stelle ich mich auf die Waage und, Gott sei Dank, sie zeigt weniger an als gestern. Aber zufrieden bin ich jet­zt noch nicht. Das Glücks­ge­fühl, das mir die Waage beschert hat, dauert nur wenige Sekun­den an, denn es fol­gt gle­ich der Gedanke, dass ich bis zu meinem Ziel­gewicht noch viel mehr abnehmen muss. Tief in mir weiß ich aber, dass ich mich nie mit irgen­deinem Gewicht zufriedengeben werde. Also lautet mein Faz­it, dass ich heute wieder hungern muss.

Ich stell mich unter die Dusch und plane meinen Tag. Es ist Mon­tag, ich über­lege, dass ich heute erst um 15 Uhr nach Hause kom­men werde. Fol­glich muss ich mir also bis dahin keine Gedanken machen, wie ich mein ‘nicht essen’ ver­berge. In der Küche set­ze ich mich an Tisch, den meine Mut­ter in let­zter Zeit immer sehr liebevoll deckt. Kein Men­sch ist da. Zum Glück! Schnell, wie jeden Tag, brösle ich ein paar Brösel Knäcke­brot auf meinen Teller und tauche mein Mess­er in den Philadel­phia. Somit habe ich mein Früh­stück been­det und kann nun mit ruhigem Gewis­sen Zeitung lesen. Meine hil­flose Mut­ter drückt mit noch schnell einen Apfel in die Hand, wohl wis­send, dass ich ihn bei näch­ster Gele­gen­heit wegschmeißen werde.

Im Bus sage ich mir zum x-ten Mal meine Hausauf­gaben auf, damit ich sicherge­hen kann, dass ich über Nacht auch wirk­lich nichts vergessen habe. Auf dem Weg zur Schule bere­ite ich mich men­tal auf das Zusam­men­tr­e­f­fen mit meinen Klassenkam­er­aden vor. Ich set­ze mein Lächeln auf, rede mir eine pos­i­tive Stim­mung ein und gehe freud­e­strahlend auf meine Fre­undin zu und wün­sche ihr einen guten Mor­gen. Dann begin­nt der Unter­richt und ich ver­suche mich zu konzen­tri­eren, mir jedes Wort des Lehrers einzuprä­gen. Meine Gedanken schweifen jedoch schnell zum Essen ab. In der drit­ten Stunde knur­rt mein Magen, und für ein paar Sekun­den kommt wieder ein Glücks­ge­fühl in mir auf, weil ich ja jet­zt abnehme! Nach der Pause geht der Unter­richt weit­er. Es fällt mir zunehmend schw­er, diesem zu fol­gen.

Geige habe ich wie jede Woche wieder mal nicht richtig geübt, für mich nicht oft genug, und deshalb gehe ich mit sehr schlechtem Gewis­sen in meine Geigen­stunde. danach ist Orch­ester, das ich, wie jedes Mal, sehr lang­weilig finde, da uns unsere Lehrerin nur leichte Stücke gibt. Nach­dem ich das Orch­ester geschafft habe, beginne ich mit den Hausauf­gaben, damit ich zu Hause nicht mehr so viel machen muss. In der hin­ter­sten Ecke meines Gedächt­niss­es weiß ich aber, dass ich auch heute wieder bis min­destens 22 Uhr arbeit­en werde. Mit einem tiefen Seufz­er schlage ich mein Math­e­buch auf und fange an, qua­dratis­che Gle­ichun­gen zu lösen. Um 14.35 Uhr fährt mein Bus und ich hab zu dieser Zeit nicht ein­mal die Hälfte mein­er Hausauf­gaben, weil ich alles per­fekt machen muss. Im Bus fange ich dann schon ein­mal an Chemie zu ler­nen, da ich mir denke, dass ich mir den Stoff bes­timmt bess­er merken kann, wenn ich ihn zweimal am Tag lerne.

Zu Hause beginne ich mit den schriftlichen Hausauf­gaben und da meine Gedanken immer wieder zum Essen abschweifen, dauern diese zwei Stun­den. Ich zwinge mich, meine Hausauf­gaben fer­tig zu machen. Erst danach erlaube ich mir endlich meine Gemüse­brühe. Ich habe auf heute 400 Gramm abgenom­men, da kann ich mir doch auch ein­mal eine Kartof­fel­suppe leis­ten? Die hat doch nur 22 Kalo­rien pro 100 ml. NEIN! Das ist viel zu viel! Ich nehme also wie jeden Tag die Gemüse­brühe, die nur 6 Kalo­rien auf 100 ml hat. Ich set­ze mich an den Tisch, an meinen Platz, und schlürfe langsam meine einzige Mahlzeit am Tag. Meine Gedanken kreisen dabei immer wieder um die Dinge, die ich heute noch erledi­gen muss. Klavier­spie­len und ler­nen. Nach zwei Stun­den bin ich völ­lig erschöpft und es ist jet­zt 20.30 Uhr. Wieder schlage ich meine Büch­er auf und beginne zu ler­nen.

In meinen Kopf will ein­fach nichts rein, und als Strafe für meine Unkonzen­tri­ertheit muss ich ins Bad gehen und mir mit ein­er Nagelschere einen weit­eren Schnitt auf meinem Arm zufü­gen. Erst als ich den Schmerz spüre und das Blut aus der Wunde quillt, höre ich auf und set­ze mich wieder an den Tisch um weit­erzuler­nen. Nun lerne ich noch bis 22 Uhr. Erschöpft ste­he ich danach auf und denke mir, dass trotz­dem nichts in meinem Kopf drin­nen ist und ich ein­fach zu blöd bin zum Ler­nen und dass ich, wenn ich mor­gen aus­ge­fragt werde, bes­timmt eine schlechte Note bekomme. Ich bin eine kom­plette Ver­sagerin; ich kann ja über­haupt nichts, denke ich nur.

Ich ziehe mich aus und wiege mich zum x-ten Mal an diesem Tag. Zugenom­men! Scheiße! Obwohl ich weiß, dass man am Abend meis­tens mehr wiegt, renn ich voller Panik zum Spiegel, um mich erneut meinem fet­ten Angesicht zu stelle. Ich betra­chte mich im Spiegel und ich sehe sofort, wo ich zugenom­men habe. An meinen fet­ten Ober­schenkeln, wo denn son­st! Ich mache mich im Bad fer­tig und ich verordne mir noch 50 Situps und 100 Seil­sprünge. Gegen 22.30 Uhr falle ich tod­müde ins Bett, wis­send, dass ich in der Nacht mehrmals aufwachen werde und dann noch ler­nen werde und dass mein Tag so sein wird wie heute: ler­nen — hungern — ler­nen — hungern — ler­nen — hungern.”

 

Bild: TCE­fo­rum

Über den Autor/ die Autorin

Dr. Gerlinghoff / Dr. Backmund und Patientinnen des TCEforum

aus: „Is(s) was?!“ Eine Infor­ma­tion von Lehrerin­nen und Lehrer (als E-Book bei Beltz für € 1,99)

2018-05-26T13:10:08+00:00August 8th, 2018|Innenansichten|