Die Waage, die ewige Kontrollinstanz

Frage 1, von ein­er Betrof­fe­nen

Ab wann musstet ihr nicht mehr zu Wiegekon­trollen?”

Antwort 1

Das ist bei jed­er Ein­rich­tung etwas unter­schiedlich. In der Regel find­et das Wiegen anfangs häu­figer statt bis ein bes­timmtes Gewicht erre­icht wurde und dann immer weniger zur Kon­trolle, ob das Gewicht gehal­ten wird. In der ersten Phase mein­er Ther­a­pie musste ich mich täglich von den Ernährungs­ther­a­peutin­nen wiegen lassen und das Gewicht in eine Gewichtkurve ein­tra­gen. Wann das Wiegen reduziert wer­den kann, wird am besten indi­vidu­ell mit den Ernährungs­ther­a­peuten abge­sprochen. Ich hat­te zum Beispiel auch eine Zeit lang Angst vor der Zahl auf der Waage bzw vor ein­er bes­timmten Hürde und habe mich dann rück­wärts auf die Waage gestellt. Als meine Hürde erre­icht wurde, haben mir es die Ernährungs­ber­a­terin­nen mit­geteilt. Oft hat es mir jedoch auch geholfen auf der Waage zu sehen, dass sich gar nicht viel getan hat, obwohl ich so viel gegessen habe.

Antwort 2

Aus dein­er Frage glaub ich zu hören, dass du die Wiegekon­trollen als nervig oder belas­tend empfind­est. Das kann ich gut nachvol­lziehen! Den­noch glaube ich, dass der Impuls in uns, der uns Wiegekon­trollen und Essen­spläne als Ein­schränkung erleben lässt, lei­der oft noch zu unser­er ess­gestörten Ver­gan­gen­heit gehört. Ich habe in den Jahren nach der Ther­a­pie eigentlich erst gemerkt, wie stark mich das ess­gestörte Denken geprägt hat und wie tief die Ver­hal­tens­muster zum Teil eingeschlif­f­en waren. Die Wiegekon­trollen als eine Unter­stützung und eine Kon­trolle für dich selb­st wahr zu nehmen, ist glaube ich in der ersten Zeit nach der Ther­a­pie ein wichtiger Schritt.

Antwort 3

Das hat sehr lange gedauert. Und in Zeit­en in denen es mir wieder nicht so gut gegan­gen ist, habe ich mich auch wieder wiegen lassen. Seien wir mal ehrlich: Sich nicht wiegen lassen zu wollen, hat auch viel damit zu tun, dass man in den hin­ter­sten Eck­en seines Kopfes den Gedanken hat, wieder abzunehmen. So lang das so ist, sind Gewicht­skon­trollen gut. Mir beispiel­weise ging es auch bess­er als ich mich von der Zahl auf der Waage gelöst habe und frei davon sein kon­nte. Aber ich bin auch nicht mehr nahe am Untergewicht oder ähn­lich­es. Also wieg dich so lang wie es für dich nötig ist. Und sei ehrlich mit dir selb­st, alles andere zieht deine Krankheit in die Länge. Glaub mir.

Der Abstand zwis­chen den einzel­nen Kon­trollen wurde mit der Zeit auch größer und ich emp­fand es irgend­wann auch als beruhi­gend, da ich so sah, dass ich nicht unbe­gren­zt zunehme, son­dern mein Gewicht immer gle­ich blieb – auch, wenn ich ganz nor­mal gegessen hab.

Frage 2, von einem Eltern­teil

Ist eine zwei­wöchige Gewicht­skon­trolle durch den Hausarzt aus­re­ichend bei Mager­sucht?”

Anwort 1

Auf keinen Fall. Eine Essstörung find­et im Kopf statt, nicht auf der Waage: auch wenn ihre Tochter/ihr Sohn irgend­wann ein „nor­males“ Gewicht hat, kann er/sie weit­er ess­gestört bleiben – abge­se­hen davon, dass jede/r Ess­gestörte Wege find­et, viel mehr Kilos auf die Waage zu brin­gen, als es ihrem tat­säch­lichen Gewicht entspricht. Jede Essstörung ist eine sehr ernst zu nehmende psy­chis­che Krankheit, die so viel mehr bet­rifft als die Symp­to­matik des Abnehmens. Ich kann Ihnen nur rat­en, so früh wie möglich eine Ther­a­pie zu begin­nen. Natür­lich ist es nicht leicht, Betrof­fene dafür zu motivieren. Aber solange sie selb­st die Krankheit nicht ernst nehmen, wird es für den/die Betrof­fene extrem viel schwieriger, es selb­st zu tun.

Antwort 2

NEIN. Eine Erkäl­tung mag zwei Wochen dauern oder andere Erkrankun­gen. Aber eine Mager­sucht, eine Bulim­ie oder eine Bingeat­ing-Störung hat sich über län­gere Zeit entwick­elt und braucht noch weitaus länger, damit ein „gesun­der“ Umgang damit möglich wird. Es wäre schön, wenn es so ein­fach und schnell gehen würde. Aber der Glaube daran mis­sachtet die Tat­sache, dass eine Essstörung eine schw­er­wiegende Krankheit ist (Kein Men­sch würde davon aus­ge­hen, dass Krebs in zwei Wochen „heil­bar“ ist).

Über den Autor/ die Autorin

ehemalige Patientin(nen) des TCEforum

2018-09-28T19:58:11+00:00Oktober 1st, 2018|Aktuelles, Innenansichten|