Die Familiengruppengespräche verwandelten mich in eine Sehende

Petra, Mut­ter ein­er 20jährigen Tochter:

Langsam ver­wan­delte ich mich in den Fam­i­lien­grup­penge­sprächen von ein­er Blind­en in eine Sehende, ich ver­stand, dass die Krankheit eine Sprach­form ist, mit der die Betrof­fe­nen sich aus­drück­en, weil sie keine andere Möglichkeit der Kom­mu­nika­tion haben. Aber mit dem Ver­ste­hen änderte sich noch nicht der Umgang mit mein­er Tochter. Ich merk­te, dass ich eine eigene Ther­a­pie brauchte, um bess­er mit der Kluft zwis­chen meinen Gefühlen und meinem Ver­stand umge­hen zu ler­nen. Ich lernte meine eigene Ängstlichkeit ken­nen, die ich bish­er ignori­ert hat­te. Ich merk­te, dass ich sou­verän sein wollte, wenn ich es gar nicht war, dass ich eingepanz­ert war in Aggres­sion und Abwehr, keine Gren­zen ziehen kon­nte zu meinem eige­nen Schutz und dass diese Ver­hal­tensweisen Teile ein­er Kausalkette waren und sind, die zur Erkrankung mein­er Tochter geführt haben.

Ich lernte zu erken­nen, dass ich als Tochter Opfer und als Mut­ter Täterin zugle­ich war, denn auch ich hat­te eine Fas­sade aufge­baut nach altem Muster. Ich sah, dass die jun­gen ess­gestörten Mäd­chen eine zweite Chance beka­men, die ich zwar jet­zt auch hat­te, aber sie hat­ten das Leben noch vor sich und kon­nten sie bess­er nutzen — gele­gentlich erfüllte mich das mit Neid. Sie wür­den nicht mehr nach den Vorstel­lun­gen ihrer Eltern einem Ide­al­bild nach­streben, nicht mehr den Moralvorstel­lun­gen kri­tik­los fol­gen, son­dern eigene Wert­maßstäbe suchen und hof­fentlich find­en.

Bei uns hat­ten die Mech­a­nis­men der “guten Fam­i­lie” funk­tion­iert: Je kaput­ter sie war, desto per­fek­ter war die Fas­sade. Diese “gute Fam­i­lie” hat­te ich nie infrage gestellt und merk­te erst in der Ther­a­pie, wie gefährlich es für mich als Kind gewe­sen war, eine andere Mei­n­ung, eine andere Moralvorstel­lung zu haben oder gar Kri­tik an der Fam­i­lie zu üben. Ich fühlte mich in den Fam­i­lien­grup­penge­sprächen den ess­gestörten jun­gen Frauen sehr nahe, ihre Prob­leme waren mir ver­traut. Oft glaubte ich, sie hät­ten meine ver­schüt­teten Gedanken errat­en und for­muliert.

Über den Autor/ die Autorin

Monika Gerlinghoff / Herbert Backmund

aus: Is(s) was?! Essstörun­gen sind Krankheit­en. Infor­ma­tio­nen und Hil­fe für Betrof­fene und ihre Ange­höri­gen. Beltz 2017. ISBN 978–407-86461–1.

2018-05-24T19:41:43+00:00Juli 31st, 2018|Therapie erleben|