Beispiele medizinischer Komplikationen bei Ess-Störungen

Einige Kom­p­lika­tio­nen treten regel­haft auf, andere sind als sehr sel­tene, aber schw­er­wiegende Ereignisse in der Lit­er­atur beschrieben. Im Fol­gen­den sind einige wichtige Begleit­er­schei­n­un­gen und Kom­p­lika­tio­nen der Ess-Störun­gen nach Organ- bzw. Funk­tion­ssys­te­men geord­net aufge­lis­tet.

  1. Herz-Kreis­lauf-Sys­tem: Herz-Kreis­lauf-Störun­gen find­en sich haupt­säch­lich bei Anorex­ia ner­vosa, häu­fig in Form ein­er arteriellen Hypoten­sion (= dauer­haft zu niedriger Blut­druck) und Bradykardie (= ver­langsamter Herz­schlag). Die Ver­langsamung der Herzfre­quenz kann Werte unter­halb 30 Schlä­gen pro Minute erre­ichen. Die tief­sten Werte kön­nen bei ein­er Reg­istrierung während der Nacht fest­gestellt wer­den. Bei stark untergewichti­gen Pati­entin­nen und Patien­ten ist deshalb eine Überwachung (auch nachts) zu empfehlen. Ein Mitralk­lap­pen­pro­laps (= Erkrankung der Herzk­lappe) wird bei Mager­süchti­gen häu­figer gefun­den als bei gesun­den Proban­den, etwa in einem Drit­tel der Fälle. In der Lit­er­atur wird dieser Befund meist als ger­ing aus­geprägt beschrieben, doch kann es — nach eigen­er Erfahrung — vere­inzelt auch zu zere­bralen Embolien kom­men. Ein Herzbeutel­er­guss, meist mäßi­gen Grades, ist echokar­dio­grafisch bei jugendlichen Pati­entin­nen und Patien­ten nicht so sel­ten festzustellen. Ein EKG und eine Echokar­dio­grafie sind bei stärk­er untergewichti­gen Mager­süchti­gen zu empfehlen, jeden­falls ab einem BMI von <16!
  2. Magen-Darm-Sys­tem: Magen­schmerzen und Ver­dau­ung­sprob­leme sind bei allen For­men der Ess-Störun­gen häu­fig und treten nahezu aus­nahm­s­los auch am Anfang ein­er Ernährungs­ther­a­pie auf. Völ­lege­fühl und Blähun­gen sind häu­fige Kla­gen von Mager­süchti­gen, auch schon nach geringer Nahrungs­men­gen-Auf­nahme. Ver­stop­fun­gen (Obsti­pa­tio­nen) sind häu­fig bei restrik­tiv­er Anorex­ie. Die Mage­nentleerung ist bei Anorex­ia ner­vosa verzögert, die Dar­m­motil­ität ver­ringert. Ein Abführmit­telmiss­brauch (Lax­anzien­abusus) kann eben­falls zur Obsti­pa­tion führen. Durch­fall (Diar­rhoe) kann eben­falls ein Hin­weis auf einen Lax­anzien­miss­brauch sein. Eine wichtige Dif­feren­zial­diag­nose sind chro­nisch entzündliche Darmerkrankun­gen (z. B. ein Mor­bus Chron). Eine allmäh­liche Magen­er­weiterung kann sich durch das Ver­schlin­gen großer Nahrungs- und Flüs­sigkeits­men­gen entwick­eln. Hungern kann zu ein­er Erschlaf­fung (Atonie) des Magens und Atro­phie der Wand­musku­latur führen. Wenn dann rel­a­tiv große Nahrungs­men­gen oder viel Flüs­sigkeit im Rah­men ein­er “Fres­sat­tacke” oder auch bei ther­a­peutis­ch­er Real­i­men­ta­tion zuge­führt wer­den, beste­ht die Gefahr ein­er akuten Magen­er­weiterung und Per­fo­ra­tion. Eine Reizung der Speis­eröhre (Ösoph­a­gus) mit den Symp­tomen eines Reflux­es (Reflux­oe­sophagi­tis) ist eine nicht sel­tene Kom­p­lika­tion von häu­figem Erbrechen. Vere­inzelt wurde auch ein Riss (Rup­tur) der Speis­eröhre beschrieben. Aus­geprägte Refluxsymp­tome kön­nen bei bulim­is­chem Ver­hal­ten vor allem in der Anfangszeit ein­er Ernährungs­ther­a­pie auftreten und müssen dann medika­men­tös behan­delt wer­den.
  3. Niere: Die Gefahr ein­er Nieren­schädi­gung beste­ht in erster Lin­ie bei einem Kali­um­man­gel. Die hypoalämis­che Nephropathie ist bei Ess-Störun­gen als Folge von Erbrechen und Medika­menten­miss­brauch (Diureti­ka, Lax­anzien) gut bekan­nt. Gele­gentlich beste­ht als ver­stärk­ender Fak­tor eine Reduk­tion der täglich zuge­führten Flüs­sigkeits­menge. Vere­inzelt wurde über schw­er­wiegende Ver­läufe mit dial­y­sepflichtiger Nieren­schädi­gung bei Patien­ten mit chro­nis­ch­er Ess-Störung berichtet.
  4. Ner­ven­sys­tem: Eine mäßige Erweiterung inner­er und äußer­er Flüs­sigkeit­sräume (Liquor­räume) des Gehirns ist ein bei Anorex­ia ner­vosa, aber auch Bulim­ia ner­vosa, seit langem bekan­nter Befund. Die Liquor­raumer­weiterung kor­re­spondiert mit ein­er Ver­min­derung weißer Sub­stanz. Eine Beteili­gung der grauen Sub­stanz ist nicht gesichert. Die Rück­bil­dung dieser Verän­derun­gen nach Gewicht­sresti­tu­tion hat zu dem Begriff der Pseudoathropie geführt. Die Frage, ob diese Rück­bil­dung wirk­lich voll­ständig ist oder ob diskrete struk­turelle Verän­derun­gen bleiben, wird noch disku­tiert. (…)
  5. Haut: Eine trock­ene Haut haben zwei Drit­tel der Mager­süchti­gen. Häu­fig sind auch eine so genan­nte Lanu­go-Behaarung, Akrozyanose (= Blaufär­bung von Kör­per­an­hän­gen, Akren) und kalte Akren (= Fin­ger, Zehen, Nase, Ohren) zu beobacht­en. Haa­raus­fall sowie brüchige Haare und Nägel kom­men bei Anorex­ia ner­vosa vor. Verätzun­gen an den Fin­ger­rück­en mit Schwie­len­bil­dung find­en sich bei Patien­ten mit bulim­is­chem Ver­hal­ten, her­vorgerufen durch manuelles Aus­lösen des Wür­gre­flex­es.
  6.  Musku­latur: Zu ein­er zunehmenden Schwäche (und Atro­phie) der Skelettmusku­latur kommt es bei Mager­süchti­gen mit abfal­l­en­dem BMI. Dies macht sich z. B. durch Schwierigkeit­en beim Trep­pen­steigen, Erheben aus der Bade­wanne etc. bemerk­bar.
  7. Störun­gen im Mund-Gesichts-Bere­ich: Eine Karies, her­vorgerufen durch die Säure des Magen­in­halts, ist eine häu­fige Kom­p­lika­tion bei Anorex­ia ner­vosa, Purg­ing-Typ, und der Bulim­ie. Eine Entzün­dung im Mund­bere­ich ist durch die gle­iche Ursache bed­ingt. Häu­fig ist eine Schwellung der Ohrspe­ichel­drüsen bei bulim­is­chem Ver­hal­ten. Auch im Zusam­men­hang mit ein­er Anorex­ie und Erbrechen kann durch den Schwund von Gesichtsmusku­latur die Ohrspe­ichel­drüse (Paro­tis) deut­lich her­vortreten.
  8. Skelettsys­tem: Osteo­porose (Ver­min­derung der Knochen­dichte) ist eine häu­fige Kom­p­lika­tion im Zusam­men­hang mit Ess-Störun­gen, beson­ders der Anorex­ia ner­vosa. Mäd­chen und junge Frauen mit ein­er Anorex­ie haben deshalb ein erhöht­es Risiko, Knochen­brüche zu erlei­den. (…)
  9. Endokrine Störun­gen: In der Klas­si­fika­tion nach ICD-10 sind die wichtig­sten endokri­nen Störun­gen bei Anorex­ia ner­vosa aufge­führt, nicht hinge­gen im DSM-IV. Im DSM-5 ist auch das bish­erige diag­nos­tis­che Kri­teri­um der Amen­or­rhö (Aus­bleiben der Men­stru­a­tion) nicht mehr vorhan­den. Häu­fig beste­ht bei ein­er Mager­sucht ein Man­gel an Sex­u­al­hor­mo­nen. Die Werte der Schild­drüsen­hor­mone sind meis­tens wie fol­gt: TSH nor­mal, T3 leicht erniedrigt, T4 nor­mal oder leicht erniedrigt. Die Ver­min­derung des T3-Spiegels ist Aus­druck ein­er Anpas­sung an die Reduzierung der Energiezu­fuhr. Eine Medika­tion von Schild­drüsen­hor­mo­nen ist daher nicht sin­nvoll.

Über den Autor/ die Autorin

Monika Gerlinghoff / Herbert Backmund / Cordula Obermeier

aus: Essen will gel­ernt sein — Bei Essstörun­gen und auch son­st. Beltz 2017, ISBN 978–3-407–86489-5

2018-05-24T12:47:06+00:00Juli 24th, 2018|Fachliches|