Angehörige fragen: Was hilft am meisten?

Frage 1, von der Mut­ter ein­er Betrof­fe­nen

Was hat euch während der Ther­a­piephase rück­blick­end am meis­ten geholfen bzw. motiviert, die Krankheit zu besiegen?

Antwort 1

Die Ther­a­pie begonnen hab ich nur, um meine Beziehung zu ret­ten. Erst langsam, im Ver­lauf der Ther­a­pie ist eine Moti­va­tion in mir gewach­sen, die Krankheit auch für mich selb­st aufgeben zu wollen. Anfangs ist der Hor­i­zont so eng, ich war so abges­tumpft, ich hat­te gar keine Vorstel­lung davon, dass ich vielle­icht auch anders leben und mich anders fühlen kann. Während der Ther­a­pie hat sich mein Selb­st­bild sehr stark verän­dert, ich fühlte richtig, wie ich lebendi­ger wurde. Davon wollte ich mehr!

Antwort 2

  • Es als Krankheit über­haupt wahrzunehmen
  • Abstand von Zuhause – also den Struk­turen in denen ich krank gelebt habe
  • Men­schen, die sel­ber an ein­er Essstörung erkrankt sind. Der gemein­same Aus­tausch war zen­tral und sehr motivierend.
  • Rück­fäl­lig sein „dür­fen“ ohne dafür verurteilt zu wer­den oder Men­schen, die an mein­er „Gesun­dung“ inter­essiert sind, zu ent­täuschen.
  • Erfahrun­gen und Erleb­nisse mit Fre­undIn­nen auf dem Weg der Besserung, die ich wieder richtig genießen kon­nte bzw. über­haupt wieder wahrnehmen kon­nte.
  • Kör­perther­a­pie: Neue Klei­dung kaufen – ger­ade bei Zunahme; Kör­per­reisen; Wohlfüh­lübun­gen etc.

Frage 2, von einem Ange­höri­gen

Wie kann man als Mutter/Vater helfen? Wie sollte man sich der Tochter gegenüber ver­hal­ten?”

Antwort 1

Sich sel­ber Hil­fe suchen. Ich habe wirk­lich lange Zeit Eltern und Ver­wandte im Zuge mein­er Ther­a­pie erlebt und ich dachte mir so oft, wie wichtig es wäre, dass man als Mut­ter oder Vater selb­st seine Verzwei­flung und Ohn­macht anerken­nt und im Rah­men pro­fes­sioneller Hil­fe the­ma­tisieren KANN. Es ist keine Schande, im Gegen­teil: indi­rekt hil­ft man seinem eigen­em Kind damit. Kein Men­sch kann dabei zuse­hen, wie das eigene Kind sich selb­st sys­tem­a­tisch zer­stört.

Sel­ber zu kom­mu­nizieren: „Hey, ich komme mit der Sit­u­a­tion ger­ade nicht klar und suche mir Hil­fe!!!“ – kann ja auch als gutes „Vor­bild“ fungieren. Wie oft hat man gute Ratschläge für andere Per­so­n­en und kann es bei sich sel­ber nicht umset­zen.

Zu zeigen, dass man sich um sich selb­st sorgt und auch ohn­mächtig ist, aber sich Hil­fe holt, ist doch etwas Gutes. Die Bitte an die eigene Tochter oder den eige­nen Sohn sich auch Hil­fe zu suchen wirkt dadurch um einiges authen­tis­ch­er.

Antwort 2

Das ist eine schwierige Frage, zu der ich viel schreiben kön­nte – aber, um es kurz zu machen: mir haben am meis­ten die Men­schen in meinem Umfeld geholfen, die mir Raum und Zeit zur Verän­derung in der Ther­a­pie gelassen haben, aber mir immer ganz klar gezeigt haben: mit der Essstörung gibt es keine Beziehung! Ich möchte mit dir zusam­men sein, aber nicht, solange du nichts gegen deine Essstörung untern­immst.

Antwort 3

Das Prob­lem als Eltern­teil ist es, egal wie man sich ver­hält, es ist falsch und meis­tens reagiert die Betrof­fene trotzig und abweisend. So war es zumin­d­est bei mir mit meinen Eltern. Ich denke jedoch es ist falsch das Kind nicht darauf anzus­prechen. Wenn meine Eltern nichts gesagt haben, dachte ich immer es passt doch alles und ich bin gar nicht krank. Ohne sie hätte ich mir niemals Hil­fe geholt und wäre wom­öglich gestor­ben. Haben sie mich jedoch darauf ange­sprochen, habe ich abge­blockt und wurde trotzig. Ich denke es kommt immer drauf an wie man einen darauf anspricht. Meine Eltern haben mir oft Vor­würfe gemacht, wur­den laut und haben mir unter­stellt ich würde das alles extra machen. Heute weiß ich, dass sie sich ein­fach Sor­gen gemacht haben und hil­f­los waren. Ich hätte mir gewün­scht, dass sie mehr auf meine Prob­leme und Hin­ter­gründe einge­gan­gen wären und nicht ver­sucht hät­ten mir mit ein­er Klinik zu dro­hen, wenn ich nicht genug esse. Ich denke es ist wichtig, dass sich die Eltern selb­st gut über die Krankheit informieren und diese auch als solche sehen. Später in der Ther­a­pie als ich wieder ein regelmäßiges Essver­hal­ten hat­te, war es mir wichtig, dass meine Eltern mein Essver­hal­ten nicht kom­men­tieren. Kom­mentare wie „brav hast du gegessen“ sind genau­so schlimm wie „gut siehst du aus“. Auch wenn die Aus­sagen der Eltern nur gut gemeint sind, ist es für Betrof­fene oft schwierig damit umzuge­hen. Wichtig ist, dass auch während der Ther­a­pie regelmäßig Elternge­spräche stat­tfind­en, damit man klar besprechen kann, wer sich wie ver­hal­ten soll und gegen­seit­ige Wün­sche äußern kann.

Frage 3

Was hat euch geholfen, „am Ball“ zu bleiben?”

Antwort 1

Mir hat immer der Gedanke geholfen, den eine Mit­pa­ti­entin ein­mal for­muliert hat: das Leben ohne Essstörung ein­fach aus­pro­bieren. In die Krankheit kann ich immer wieder zurück, damit kenn ich mich aus. Aber das Leben ohne Ängstlichkeit und Ein­schränkung durch die Krankheit, die Frei­heit der Beziehun­gen, die ich haben kann, die Kraft und Klarheit, die in mir während der Ther­a­pie gewach­sen sind: das kan­nte ich alles so wenig.

Dieses ein­fach „Aus­pro­bieren“ set­zt für mich auch ein Gegen­ze­ichen zur Essstörung, die durch per­fek­tion­is­tis­che Pla­nung und ein extremes Schwarz-Weiß-/Richtig-Falsch-Denken geprägt war.

Antwort 2

Schöne Erfahrun­gen, das Leben mit allen Seit­en, meine Nichte, mein Fre­und, ich als Men­sch, die Berge, Fre­undIn­nen, meine Schwest­er, Men­schen die ich liebe, meine beru­fliche Zukun­ft zu pla­nen, ehrlich mit sich selb­st zu sein, kon­se­quent Dinge tun die mir gut tun, sich sel­ber ernst nehmen, aber trotz­dem über sich lachen kön­nen, Urlaub usw.

Die Momente und das Leben ohne Essstörung.

Über den Autor/ die Autorin

ehemalige Patientin(nen) des TCEforum

2018-10-05T19:44:18+00:00Oktober 4th, 2018|Aktuelles, Innenansichten|